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Kann Glyphosat Krebs erzeugen?

Diese Frage wurde jahrzehntelang gestellt und untersucht. Allerdings fast ausschliesslich in Studien von  Herstellern, deren Ergebnisse dann zwar im Rahmen von Zulassungsverfahren bestimmten Behörden, aber nicht der Öffentlichkeit gegeben wurden. Beinahe durchgehende Antwort dieser Studien: "Nein, Glyphosat ist nicht krebserzeugend!" Allerdings bietet ein genaueres Hinsehen selbst in Hersteller-Studien z.T. ein anderes Bild, zudem gibt es auch unabhängige Studien, wie vom National Cancer Institute, die Hinweise auf eine mögiche Krebsgefahr für Menschen geben.

Gibt man heute (17.12.2015) im öffentlich zugänglichen  PubMed die Suchbegriffe 'glyphosate carcinogenicity' ein, findet man lediglich 8 Treffer. Das ist erstaunlich wenig, handelt es sich doch bei Glyphosat nicht um ein sehr selten eingesetztes Pestizid, im Gegenteil. Und von diesen 8 Treffern ist gleich die erste Referenz die IARC-Monographie zum Glyphosat, in der diese WHO-Institution bekanntlich im März 2015 dem Glyphosat ein 'wahrscheinlich krebserzeugend' zugeordnet hat .

Die zweite Referenz allerdings ist auch schon eine Gegenstimme, Prof. Greim von der TU München (s. auch Agrarausschuss-Anhörung, bei der Prof. Greim auch dabei war) kommt mit seinem Team zu dem Schluss: "There was no evidence of a carcinogenic effect related to glyphosate treatment. The lack of a plausible mechanism, along with published epidemiology studies, which fail to demonstrate clear, statistically significant, unbiased and non-confounded associations between glyphosate and cancer of any single etiology, and a compelling weight of evidence, support the conclusion that glyphosate does not present concern with respect to carcinogenic potential in humans."

Auch in der dritten Referenz, einem Review von Mink et al., 2012, wird resümiert: "Our review found no consistent pattern of positive associations indicating a causal relationship between total cancer (in adults or children) or any site-specific cancer and exposure to glyphosate." Wenngleich der Mangel an gut designten epidemiologischen Studien beklagt wird.

In der Mäuse-Studie von George et al. aus 2010 wird mittels genauer Untersuchung der in Frage stehenden Proteine festgestellt: "...these results suggested that glyphosate has tumor promoting potential in skin carcinogenesis" - Also Glyphosat könnte Hautkrebs verursachen.

Im Jahr 2005 berichten De Roos et al. über die 'Agriculture Health Study', einer prospektiven Kohorten-Studie in Iowa und North-Carolina, in der über 70.000 Erwachsene einbezogen wurden, und stellen fest: "There was a suggested association with multiple myeloma incidence that should be followed up as more cases occur in the AHS" - Glyphosat könnte also multiples Myelom hervorrufen.

Darüberhinaus weist De Roos auf weitere Fallstudien hin: " ... three recent case–control studies suggested an association between reported glyphosate use and the risk of non-Hodgkin lymphoma (NHL) (De Roos et al. 2003b; Hardell and Eriksson 1999; Hardell et al. 2002; McDuffie et al. 2001)."

1992 hat die US-amerikanische Gesundheitsbehörde NIH=National Institutes of Health im Rahmen des NTP=National Toxicology Program einen 58-seitigen Bericht zum Glyphosat herausgegeben, der auch im fulltext zur Verfügung steht. Es wurden Tierexperimente mit Ratten und Mäusen gemacht: "... mild toxicity to the hepatobiliary system. Clinical pathology measurements were not performed with mice. No histopathologic lesions were observed in the livers of rats or mice. There was no evidence of adverse effects on the reproductive system of rats or mice." D.h., Leber/Galle waren zwar betroffen, aber es gab keine 'lesions', also Tumore, auch war das reproduktive System nicht betroffen. Und dann wurden noch Veränderungen an den Speicheldrüsen festgestellt: "Cytoplasmic alteration was observed in the parotid and submandibular salivary glands of rats and parotid salivary glands in mice."

Nach diesem kurzen Blick ins PubMed, der trotz der sehr speziellen Suchbegriffe und der geringen Trefferzahl zeigt, dass es durchaus Hinweise auf eine mögliche Krebserzeugung gegeben hat, stellt sich die Frage:

Wurde den Hinweisen nachgegangen?

Im Sinne des Aufsetzens gründlicher epidemiologischer Untersuchungen - in Deutschland: Nein. Im Sinne des genaueren Hinsehen auch in Hersteller-Studien - Ja. Hierfür ist gerade die Arbeitsweise des IARC mit ihrem Ergebnis, das Glyphosat als 'wahrscheinlich krebserzeugend für Menschen' einzustufen, ein schönes Beispiel. Auch das Forscherteam Anthony Samsel und Stephanie Seneff hat mittels des 'Freedom of Information Act' sich von der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA eine grosse Anzahl von Monsanto-Dokumenten beschafft, die frühen tierexperimentellen Studien mit Glyphosat betreffend.

Weitergehende PubMed Suche

Weitet man die PubMed-Suche über den Suchbegriff 'glyphosate' hinaus aus und fragt nach 'pesticides', bekommt man natürlich mehr Treffer (Zugriff am 23.12.2015):

  • 'pesticides & cancer' : 7018 Treffer
  • 'pesticides & cancer & study' : 2854
  • 'pesticides & carcinogenicity' : 649
  • 'pesticides & metastasis' : 169
  • 'pesticides & lymphoma' 567
  • 'pesticides & lymphoma & study' : 304
  • 'pesticides & multiple myeloma' : 152
  • 'pesticides & multiple myeloma & study' : 76

Prof. Greiser hat in seinem 29-seitigen statement zur Anhörung im Agrarausschuss des deutschen Bundestages am 28.09.2015 eine kritische Bewertung der vom BfR einbezogenen (und weggelassenen) epidemiologischen Studien vorgenommen, auf die an anderer Stelle noch eingegangen wird. Er verweist aber darauf, dass eine einfache PubMed-Suche nach 'lymphoma pesticides' und dem nachfolgenden Vergleich der gelieferten Treffer-Liste (damals 562) mit den vom BfR einbezogenen epidemiologischen Studien ergibt, dass 4 wichtige Studien vollkommen fehlten. Er schreibt auf S.6:

"Es ist nicht erklärlich, wieso den Mitarbeitern des BfR bei einem so simplen Verfahren wie einer Literaturrecherche diese relevanten Studien entgangen sein könnten, da die Methodik einer korrekten Literaturrecherche zu den Basisfertigkeiten bei der Erstellung von Übersichten medizinischen bzw. epidemiologischen Wissensstandes gehört. Es ist zu fragen, welche Funktion die im BfR angeblich tätigen Epidemiologen eigentlich bei der Erstellung der Risikobewertung für Glyphosat gehabt haben könnten."

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