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Aber Glyphosat ist doch für Mensch und Tier "recht ungiftig", oder?

Folgt man der Einschätzung des BfR-Präsidenten, in einem Interview vom 5.9.2015, so ist das Glyphosat nicht nur "recht ungiftig", wie es im Stryer steht, sondern für Menschen gar nicht giftig, allerdings unter einer Bedingung:

"Nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis sind bei bestimmungsgemäßer und sachgerechter Anwendung 
von Glyphosat keine schädlichen Auswirkungen für die menschliche Gesundheit anzunehmen."

Dies spricht nicht irgendwer. Es ist Prof. Hensel, Präsident von Deutschlands oberster staatlicher Kontroll-Behörde in Sachen Lebensmittelsicherheit. Das BfR ist im Rahmen der europäischen Prüfung einer Verlängerung der Glyphosat-Genehmigung Berichterstatter an die EFSA, die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Der gesetzliche Auftrag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) ist sehr weit gefasst, zu wissenschaftlichen Fragen rund um den gesundheitlichen Verbraucherschutz Stellung zu nehmen. Das Institut ist dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft untergeordnet.

Die Pressestelle des BfR hat uns auf Anfrage in einer Email vom 08.10.2015 die o.a. Positionierung von Prof. Hensel bestätigt und folgende Formulierung für die Veröffentlichung freigegeben: "Für den Wirkstoff Glyphosat wird auf Basis des gegenwärtigen Kenntnisstandes kein kanzerogenes oder reproduktionstoxisches Risiko oder mutages Potential resultierend aus der sachgerechten Anwendung in der Landwirtschaft angenommen."

Die Mitarbeiterin der BfR-Pressestelle, Frau Polychronidou, ergänzt in dieser Email: "Der Bewertungsprozess des BfR für die von der IARC vorgenommene Einstufung für Deutschland ist abgeschlossen." Sie verweist auf die BfR-Seite zu der am 28.09.2015 stattgefundenen öffentlichen Anhörung des Agrarausschusses des deutschen Bundestages, auf die wir an dieser Stelle noch eingehen werden, genauso wie auf die Auseinandersetzung um die IARC-Monographie zum Glyphosat.

Sollte man also nicht der Botschaft des BfR "keine schädlichen Auswirkungen für die menschliche Gesundheit bei sachgerechter Anwendung" Glauben schenken können? Wenn es da nicht zwei Probleme geben würde: Eine eventuelle doch eintretende gesundheitliche Schädigung bei nicht "sachgerechter Anwendung" wird dann in den Verantwortungsbereich der "Anwender" geschoben, egal ob dabei der sprühende Landwirt selbst oder -per Abdrift- umliegende Bewohner geschädigt werden. Und wie könnte eine nicht "sachgerechte" Anwendung gesundheitsschädlich wirken, wenn das Glyphosat bzw. das verwendete Misch-Produkt (Glyphosat plus Zusatzstoffe) nicht doch Gesundheits-Risiken bergen würde? Hinzu kommt, dass das Vertrauen in die Korrektheit der Arbeitsergebnisse bundesdeutscher Behörden und diejenigen des BfR speziell durchaus gelitten hat. Zuviele leidvolle Krankheits-Erfahrungen, bei denen immer wieder Zusammenhänge zu schädigenden Stoffen z.B. aus der Landwirtschaft zumindest als möglich erscheinen, liegen vor; zuviele wissenschaftliche Veröffentlichungen, die ursächliche Wirkungen auf die Störung und Beeinträchtigung menschlicher Gesundheit nachvollziehbar darstellen, liegen vor, als dass die o.a. statements des BfR-Präsidenten bzw. der BfR-Pressestelle beruhigend wirken könnten. Im Gegenteil: Liest man sich ein in die langjährige Debatte über evtl. gesundeitliche Schädigungen menschlicher und tierischer Gesundheit durch das Glyphosat und seine Begleitstoffe in den angewandten Produkten, erscheint das, was Prof. Hensel bzw. das BfR sagen, empörend.

Der Kurzschluss im Denken liegt gleich am Anfang

Wir wissen nicht, warum Prof. Dr. Dr. Hensel das Glyphosat für unbedenklich für die menschliche Gesundheit hält (in dem angesprochenen Interview ging es auch um die Auswertung der Literatur im Rahmen des europäischen Entscheidungsprozesses zur Verlängerung der Glyphosat-Zulassung (dazu weiter unten) und nicht um eine grundsätzliche Bewertung des Glyphosats).

Wer jedoch aus der Tatsache, dass der Shikimatstoffwechselweg bei Mensch und Tier nicht vorkommt bzw. dass das entscheidende Enzym Mensch und Tier fehlt, schlussfolgert, dass also wenig bis gar keine gesundheitliche Gefahr für Mensch und Tier vorliegen müsste, begeht einen Kurzschluss im Denken gleich am Anfang der Debatte über mögliche gesundheitliche Gefahren des Glyphosats. Inwieweit dieser Kurzschluss interessengeleitet ist (bei der verlinkten homepage der Glyphosat-Industrie ist dies selbstverständlich der Fall) oder welche sonstigen Gründe dazu geführt haben mögen, ist eine ganz eigene Debatte.

Es ist jedenfalls ein Trugschluss anzunehmen, dass dieser dem tierischen und menschlichen Organismus fremde Stoff, einmal aufgenommen, sich vollständig "neutral" verhalten und alsbald wieder via Exkretion verabschieden würde. Glyphosat wirkt und schädigt als Chelator, als Hormonzerstörer, als Bakteriostatikum und als Zytostatikum.

Glyphosat schädigt nicht nur ein einziges Enzym

Fragt man genauer nach den möglichen (verschiedenen) Schadwirkungen des Glyphosats, empfiehlt es sich, diesen grundlegenden Stoffwechselweg bei Pflanzen und Mikroorganismen, den Tiere und Menschen gar nicht haben, genauer anzuschauen: Der Shikimat-Stoffwechselweg - hier gezeigt mit den ersten 8 enzymatischen Schritten (als Folie oder pdf herunterladbar), danach verzweigt der Weg hin zur Bildung von Tyrosin, Phyenylalanin und Tryptophan.

Allein 3 Enzyme haben metallische Kofaktoren

Die direkte Schadwirkung des Glyphosat beruht auf der Blockade des Enzyms EPSP Synthase (dem 6ten); aber es gibt noch die andere Möglichkeit, diesen zentralen pflanzlichen Stoffwechselweg zu beeinträchtigen bzw. ganz lahmzulegen: Gleich 3 Enzyme bei diesen ersten 8 Enzymen des Shikamat-Weges (sämtliche 8 Enzyme kommen beim Menschen nicht vor) benötigen metallische Kofaktoren, und zwar 2-wertige Kationen, d.h. positiv geladene Atome des jeweiligen Metalls. Das kann, wie im Fall des ersten Enzyms, der DAHP Synthase, Mangan oder Eisen oder Calcium sein, das ist im Falle des zweiten Enzyms, der 3-Desoxyarabinoheptulosanat-7-phosphatase, entweder ein Kobalt- oder ein Zink-Kation, das ist im Falle des fünften Enzyms, der Shikamat-Kinase Magenesium.

Glyphosat kann diese Spurenelemente fest an sich binden, womit sie den Enzymen nicht mehr zur Verfügung stehen und sie deshalb weniger gut bis gar nicht mehr ihre Aufgabe erfüllen können.

Wenn das grundsätzlich für das Glyphosat gilt und hier an dem pflanzlichen Stoffwechelweg der Shikamat-Chorismat-Bildung gezeigt wird, so ist diese mögliche Schadwirkung natürlich auf den tierischen und menschlichen Stoffwechsel übertragbar.



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