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Epidemiologische Studien und Glyphosat

"NUR mit ordentlichen epidemiologischen Studien, gemeinsam mit der Berücksichtigung der tierexperimentellen Evidenz, ist es möglich, zu kausalen Schlüssen zu kommen. Ohne epidemiologische Studien schweben Sie so im Ungefähren ..." (Prof. Greiser auf die Frage, ob man denn mit epidemiologischen Studien überhaupt einen kausalen Zusammenhang herstellen könne, in der Anhörung des Agararausschusses des Bundestages am 28.09.2015).

Um welche epidemiologischen Studien, die Glyphosat-haltige Herbizide bewertet haben, geht es in der Auseinandersetzung? Hier zunächst diejenigen Studien, die das BfR auch aufgegriffen hat (darüberhinaus gibt es noch diejenigen, die vom BfR erst gar nicht einbezogen wurden):

Das BfR schreibt in seinem Papier vom 28.09.2015: "In der Presse und Öffentlichkeit wird derzeit über die fachliche Relevanz einiger epidemiologischer Studien zu möglichen kanzerogenen Glyphosatwirkungen (Studie von DeRoos et al., 2003, Studie von Hardell et al, 2002, sowie Studie von Arbuckle et al., 2001) diskutiert."

DeRoos et al., 2003, "Integrative assessment of multiple pesticides as risk factors for non-Hodgkin’s lymphoma among men", ist eine epidemiologische Studie des NCI = National Cancer Institute der USA, Division of Cancer Epidemiology & Genetics, in der drei vorausgegangene Publikationen des NCI zusammengefasst wurden, um verschiedenste Insektizide und Herbizide, darunter auch Glyphosat, zusammen zu betrachten.

Hardell et al., 2002, "Exposure to pesticides as risk factor for non-Hodgkin's lymphoma and hairy cell leukemia: pooled analysis of two Swedish case-control studies"

Arbuckle et al., 2001, "An exploratory analysis of the effect of pesticide exposure on the risk of spontaneous abortion in an Ontario farm population"

Arbeitet das NCI unwissenschaftlich?

Die vier angesprochenen Publikationen von Forschern des NCI = National Cancer Institute beruhen auf einem epidemiologischen Projekt zur Abklärung des Risikos von Pestiziden, Lymphome, vor allem NHL=Non-Hodgkin-Lymphome, zu entwickeln. Es wurden insgesamt 3.417 Personen im mittleren Westen der USA mittels eines 18-seitigen Fragenbogens hinsichtlich ihrer Exposition gegenüber Pestiziden befragt. Aber selbstverständlich enthielt der umfangreiche Fragebogen auch andere Fragen:

DeRoos, 2003, schreibt: "In each study, detailed questions were asked about the use of agricultural pesticides as well as other known or suspected risk factors for NHL."

Uns liegt der von Prof.Greiser in seinem statement angesprochene 18-seitige Fragebogen zwar nicht vor, aber im Netz sind mehrere Fragebögen sowohl auf den Seiten des NCI als auch der 'Agriculture Health Study' (AHS) zu finden, hier sei nur die Suche nach zweien dieser Fragebögen beschrieben: Gibt man auf http://www.cancer.gov/ im Suchfeld 'questionnaire pesticides non-hodgkin-lymphoma' ein, so befindet sich in der Treffer-Liste ein link auf http://dceg.cancer.gov/tools/design/questionnaires/household-exposures/non-hodgkin-lymphoma-household-pesticide - dort kann man im xml-Format den Fragebogen als Word-Datei herunterladen (das Word wandelt den xml-Code normalerweise automatisch um). Zum zweiten kann man auf der Seite der AHS http://aghealth.nih.gov/ im Suchfeld 'questionnaire' eingeben und bekommt eine Liste mit 29 Treffern, worunter man sich eine aussuchen kann, z.B. den 'Farmer Applicator questionnaire'.

Prof. Greiser hat dankenswerterweise die von ihm so bezeichnete 'vorsätzliche Fälschung von Studieninhalten' durch das BfR offengelegt, hier nachvollzogen an der Studie von DeRoos 2003. Greiser zitiert aus dem BfR-Bericht, dass diese Studie als 'Not reliable', also 'nicht zuverlässig' abgelehnt wurde, mit dieser Begründung (Übersetzung Greiser): "Keine brauchbare Information über die Dauer der Exposition, über die Konzentration der Exposition sowie über Vorerkrankungen und über Lebensstilfaktoren (Rauchen, verordnete Arzneimittel usw.)." Und: "Relevanz der Studie: Nicht relevant."

Greiser in der Anhörung (Min. 27:25): "Es wird vom BfR z.B. moniert, dass wesentliche Variablen, die für die Risikoermittlung erforderlich wären, in den Studien nicht erhoben worden wären, wie z.B. die Exposition mit Glyphosat, die Tatsache, ob jemand raucht und Vorerkrankungen. Wenn Sie dann in die Studien hineingucken, sehen Sie, dass diese Variablen alle in extenso erhoben worden sind. Und auf diese Weise erhalten vom BfR diese Studien dann das label 'not reliable', d.h. 'nicht zuverlässig'. Und ich halte dieses Vorgehen, was bis auf eine Ausnahme bei allen intensiv bewerteten epidemiologischen Studien durch das BfR so konkretisiert wurde, für absolut unwissenschaftlich. Und man muss fragen: Gibt es überhaupt eine wissenschaftliche Regel, die es erlaubt, den Inhalt einer Studie von schwarz auf weiss zu schalten. Ich bezeichne dieses als eine vorsätzliche Fälschung von Studieninhalten."

Das BfR hat also mit einem nur als unverschämt zu bezeichnenden Trick eine epidemiologische Studie aus seiner Betrachtung herausgeworfen. Was aber macht den Wert dieser Studie aus? Es ist der weitere Hinweis eines relativ gross angelegten epidemiologischen Projektes über den möglichen Zusammenhang von Pestiziden und dem Auftreten von NHL auch bzgl. der ursächlichen Wirkung von Glyphosat-Produkten. Dies zeigt ein Blick in die Table 3 der DeRoos-Studie:

 

Bei den an NHL Erkrankten findet sich mit 5,5% eine wesentlich höhere Glyphosat-Exposition als bei der Kontrollgruppe mit 3,2%. Die OR=Odds Ratio (ein Mass für den Zusammenhang) ist mit 2,1 eine der höchsten in der gesamten Tabelle von untersuchten Insektiziden und Herbiziden.

DeRoos et al. schreiben: "Only a few pesticides were associated with a possible increased NHL incidence (judged by OR >1.3 and lower confidence limit >0.8), including the organophosphate (OP) insecticides coumaphos, fonofos, and diazinon, the organo-chlorine insecticides chlordane and dieldrin, the insecticide copper acetoarsenite, and the herbicides atrazine, glyphosate, and sodium chlorate." Es sind also nur wenige Pestizide, die als mögliche Verursacher-Kandidaten für NHL in Frage kommen, darunter Glyphosat.

Sie schreiben weiter: "The results for “potentially carcinogenic” pesticides were highly sensitive to removal of certain pesticides from the count, including dieldrin, atrazine, or glyphosate. For example, removal of glyphosate from the count resulted in a lack of trend for increasing number of “potentially carcinogenic” pesticides (1 pesticide: OR = 1.2; 2–4 pesticides: OR = 1.2; >5 pesticides: OR = 1.1)." Wenn man bestimmte potentiell kanzerogene Pestizide aus der Zählung herausnimmt, fällt sofort der Trend ab, dies auch beim Glyphosat.

Klar ist schon bei dieser cursorischen Betrachtung dieser Studien-Ergebnisse des NCI-Teams, dass hier wichtige Informationen für den Zweck, den das BfR von der EU beauftragt bekommen hat, vorhanden sind. Gleichwohl hielt es das BfR mit seinem eigenen wissenschaftlichen Verständnis offenbar für vereinbar, diese Studien auszuschliessen und dem NCI zu unterstellen, es arbeite nicht sauber.

Ist das BfR überhaupt lernfähig?

Da die Kritik von Prof. Greiser schon im Vorfelde der Anhörung bekannt war, hat das BfR in einem Papier am Tage der Anhörung am 28.09.2015 eine Stellungnahme herausgegeben, in der auf die Kritik geanwortet wird. Allerdings gibt diese Antwort Anlass zu der Frage, ob das BfR überhaupt gewillt ist, Fehler einzugestehen und aus diesen zu lernen.

Das BfR schreibt: "Die Studie von DeRoos et al., 2003 ist eine Analyse von Daten, die aus 3 Einzelstudien ( Zahm et al., 1990; Hoar et al., 1986; Cantor et al., 1992) zusammengeführt wurden. Über die Vorgehensweise bei der Kombination und der Auswertung der sehr unterschiedlichen Datensätze wird in der Publikation allerdings nicht berichtet:
Bei der Studie von Zahm et al., wird ein ganz anderer Stoff untersucht, nämlich 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure (kurz 2,4-D), welcher auch nicht mit Glyphosat chemisch verwandt ist. Die Studie ist daher völlig ungeeignet für eine Bewertung von Glyphosat. Die Studie von Hoar et al., befasst sich nicht mit dem Wirkstoff Glyphosat, sondern nennt nur allgemein „Herbizide“ als untersuchten Faktor."

Dazu Prof. Greiser, am gleichen Tag in der Anhörung: "Das BfR hat ja in seiner heute erschienenen Stellungnahme geschrieben, es liege u.a. daran, dass die drei Studien ursprünglich Glyphosat gar nicht enthalten hätten, sondern nach anderen Pestiziden gefragt worden wäre. Das verkennt aber das Prinzip epidemiologischer Studien. Wenn Sie eine Studie machen, dann fragen Sie nicht nur nach einer Exposition, sondern sie fragen nach allen. Und das National Cancer Institute hat natürlich damals, als diese Studien durchgeführt wurde, auch nach Glyphosat gefragt, bloss in der Publikation damals nicht angeführt, weil die primäre Fragestellung eine andere war. Und wenn jetzt, nachdem Glyphosat als Thema hochgekommen ist, diese Studiendaten neu ausgewertet werden, unter Bezug auf Glyphosat, dann entspricht das guter wissenschaftlicher Praxis. Aber es bleibt dem BfR unbenommen, hier das National Cancer Institute hier als unwissenschaftlich und 'non reliable' zu klassifizieren."

 

Das BfR weist allerdings darauf hin, dass sie mittlerweile die DeRoos-Studie doch einbezogen haben, und zwar in Reaktion auf die IARC-Monographie: "Ungeachtet aller dieser fachlichen Limitierungen wurde die Studie von DeRoos et al. nicht von der Bewertung ausgeschlossen. Die Studie wurde entgegen anders lautender Vermutungen in der Öffentlichkeit und in der Presse als ganz wesentlich in die BfR-Bewertung der Kanzerogenität von Glyphosat am Menschen einbezogen und im Jahr 2015 in Reaktion auf den Bericht des IARC (2015) noch einmal überprüft."

Da sich dies nur auf das am 31.08.2015 nachgereichte 'Addendum' beziehen kann, dieses aber (auch) nicht öffentlich zugänglich ist, kann dies nicht überprüft werden.

Im Gegensatz dazu kann die daraufhin folgende Behauptung überprüft werden: „Die Bewertung durch das BfR stimmt dabei weitgehend mit der Bewertung durch die IARC (2015) überein. Sowohl von der IARC (2015) als auch vom BfR wird zusammenfassend eingeschätzt: „geringe Aussagekraft, um die Risiken von mit Glyphosat-assozierten Non-Hodgkin-Lymphomen (NHL) zu bewerten („low power of the study to assess risk of NHL associated with glyphosate“ und „not controlled for exposure to other pesticides“, IARC 112).“

Ein kurzer Blick in das Kapitel Glyphosat der IARC-Monographie Nr. 112 zeigt allerdings, dass das angeführte Zitat 'low power of the study to assess risk of NHL associated with glyphosate' zwar auf Seite 16 steht, allerdings bezogen auf die Studie von Cantor 1992. Die DeRoos-Studie wird etwas später noch auf derselben Seite dargestellt, mit eben denjenigen Ergebnissen bzgl. eines möglichen Zusammenhangs zwischen Glyphosat-Exposition und NHL-Erkrunkung wie oben schon gezeigt, Zitat: „Reported use of glyphosate as well as several individual pesticides was associated with increased incidence of NHL. Based on 36 cases exposed, the odds ratios for the association between exposure to glyphosate and NHL were 2,1 (95% CI, 1,1 – 4,0) in the logistic regression analyses and 1,6 (95% CI, 0,9 – 2,8) in the hierarchical regression analysis.“ Von einer nachfolgenden Einschränkung, die die Einschätzung rechtfertigen würde, das IARC würde die Studie De Roos 2003 ebenfalls wie das BfR für 'gering ausssagefähig' halten, ist nichts zu lesen. Wovon also spricht das BfR? Es scheint nur um den Versuch des Reinwaschens zu gehen, in diesem Fall auf Kosten des IARC.

IARC-Monographie 112, Kapitel Glyphosat, Seite 16, Auszug

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